Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch hat am 05.05.2010 bekannt gegeben, dass die noch im weiteren Bedarf des Bundesverkehrswegeplans 2003 befindliche A4 nach Vorliegen einer von Hessen in Auftrag gegebenen Verkehrsuntersuchung nicht gebaut werden wird. Das Netzwerk Stop A4 mit seinen insgesamt ca. 900.000 Mitgliedern gratuliert zu dieser intelligenten Entscheidung. Nun möchten wir die Verkehrszahlen in NRW für den im vordringlichen Bedarf des BVWP enthaltenen Straßenzug von Kreuztal nach Schameder bis zum Abzweig der B480 erfahren.
Wenn ein Unternehmer den Standort für sein Wirtschaftsunternehmen wählt, dann tut er das in Kenntnis der dortigen Verkehrsinfrastruktur. Die Taktik etlicher Städte und Gemeinden in durchweg ländlich geprägten Gebieten, die sich in Zweckverbänden zusammenschließen, um durch Zur-Verfügung-Stellen von billigen Gewerbeflächen anderen Kommunen die Gewerbesteuerzahler abspenstig zu machen und von den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern anschließend zu erwarten, dass sie für den sich aus der Neuansiedlung des Gewerbegebietes entstehenden erhöhten Verkehr auch noch die passenden Straßen finanzieren, ist schon ziemlich dreist.
Unsere Umwelt, die ein Wirtschaften auch für Unternehmer erst möglich macht, ist an der Grenze ihrer Erneuerungsfähigkeit angelangt. Klimawandel, Anspruchsdenken, Verlust der Artenvielfalt und ein Flächenverbrauch von ca. 120 ha in Deutschland pro Tag sind Symptome eines ausgesprochen verantwortungslosen Umgangs mit unseren natürlichen Ressourcen. Wenn die Welt, in der und von der wir alle leben, durch permanenten Raubbau in ihrer natürlichen Tragfähigkeit bedroht wird, dann nützt auch der beste Arbeitsplatz nichts. Unsere Heimat ist viel zu wertvoll, sie für den Bau einer dreispurigen Straße zu zerschneiden, nur damit einige wenige von uns 5 oder 10 Minuten früher an ihrem Ziel sind. Wir selbst sind es, die die Staus produzieren, in denen wir dann stecken bleiben. Ist es wirklich notwendig, seine Kinder mit einem überdimensionierten Geländewagen den einen Kilometer zu Schule zu bringen? Dem heute viel verbreiteten Übergewicht unter den Schülerinnen und Schülern wäre mit ein wenig Bewegung sehr gut beizukommen.
“In Deutschland könnten durch die vergleichsweise kostengünstige Renaturierung von Flussauen an der mittleren Elbe Ausgaben für technische Filtration und Stickstoffbeseitigung in Höhe von 8,7 Millionen Euro gespart werden – das Zehnfache dessen, was die Wiederherstellung der natürlichen Funktionen kostet.” (Ein Zitat aus dem Buch: Bio-Kapital von Andreas Weber. Berlin-Verlag, Seite 48). Dieses Beispiel und viele andere zeigen, dass die Zerstörung der natürlichen Fähigkeiten und “Dienstleistungen”, die die Natur uns allen Tag für Tag durch frisches Wasser, saubere Luft und Sonnenenergie zur Verfügung stellt, und der Versuch, dieses Manko vermittels technischer Ersatzlösungen zu kompensieren, wesentlich teurer ist, als das, was durch diverse Baumaßnahmen und den Glauben, dass für alles schon irgendeine Lösung gefunden werden wird, verloren geht.
In unseren Grundgesetz (§ 20a) ist ein intergeneratives Gerechtigkeitsprinzip verankert. Das heißt, wir haben dafür Sorge zu tragen, dass wir den nachfolgenden Generationen einen bewohnbaren Planeten hinterlassen. Davon sind wir weit entfernt. Die Tendenz, Folgekosten von Baumaßnahmen, “Endlagerung” von Atommüll etc. auszuklammern und stattdessen nur auf den kurzfristigen Profit zu schielen, bedroht die Fähigkeit des Systems Erde, sich selbst zu regenerieren.
Herr Posch hat mit seiner klugen Entscheidung den Anfang gemacht. Daher schlagen wir vor, dass alle im Bundesverkehrswegeplan 2003 befindlichen Projekte einer erneuten Überprüfung unterzogen werden, und zwar nicht nur daraufhin, ob die irgendwann prognostizierten Verkehrszahlen standhalten, sondern auch auf ihre schädlichen Folgekosten hin, wie z. B. die Zerstörung von CO2-Senken, das Abholzen von Wäldern, die als Wasserspeicher dienen, die Vernichtung des unersetzbaren Schutzguts Boden usw., denn es wäre klug, sich seiner eigenen Lebensgrundlage nicht zu berauben.
Die NETZWERK-Koordinatorinnen
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