"Totstellen und überrollen lassen"
SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über die Ängste der Nordhessen vor einer Wiederaufarbeitungsanlage
Frankenberg (Eder). Seit 1249 Stadt. Geschlossenes Stadtbild mit Fachwerkhäusern des 16. bis 19. Jahrhunderts, besonders im Bereich des Ober- und Untermarktes. Entfernung zum Standort ca. vier Kilometer, Tallage ca. 120 Meter unter Standortniveau. Keine Sichtbeziehung.
So wird in den "Unterlagen zum Standort-Vorauswahlverfahren" für den Bau und Betrieb einer Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) gemäß Paragraph sieben Atomgesetz das Acker-Bürger-Städtchen Frankenberg in Hessen beschrieben. Der "nahtlose Übergang zur Zukunft", den Bürgermeister Sepp Waller (SPD) vor zehn Jahren in einer Festschrift für "diese unsere Stadt" den Bürgern versprochen hat, zeichnet sich ab. Eine "zu erwartende Ortsbildbeeinträchtigung" Frankenbergs droht nicht.
Hingegen ist eine starke Weltbildbeeinträchtigung der 16 304 Bürger (Stand 31. Dezember 1981) eingetreten. Statt sich über ihre strahlende Zukunft zu freuen, demonstrieren sie dagegen. Zuletzt am vergangenen Wochenende mit einem "WAAld-Wiesen-Widerstandsfest" ("Die Tageszeitung").
Auf der bis dahin größten Anti-WAA-Kundgebung im Juli, kurz nach der endgültigen Standort-Entscheidung, hat die aufgeregte Bauersfrau Adelheid Finger aus dem Ortsteil Wangershausen, der dem "Ungeheuer" am nächsten liegt, vor 12 000 Mitbürgern ins Mikrophon gestammelt: "Uns alle erfüllt Angst und Wut." Und Peter Rüdel aus Röddenau, "34 Jahre jung und stolzer Vater eines 2 1/2 Jahre alten Sohnes", donnerte wütend Beschimpfungen gegen "Dachlatten-Holger" über den Obermarkt. Die "Wiesbadener Altherrenriege" um Ministerpräsident Börner sah er am Gängelband der "Atomfanatiker" von der Industrie. "Machtclique", schrie Rüdel, "abgrundtiefer Zynismus."
Nun mal langsam. Die Herren aus der Staatskanzlei und erst recht die Funktionäre der Industrie nehmen das ganz locker. Was heißt hier Zynismus? Um einen Akzeptanz-Test geht es, und der muß sein. Wiederaufarbeitungsanlagen, sagen sie, sind nun mal notwendig.
Warum? Weil - "Wir können nicht so tun, als lebten wir in einem Paradiesgärtlein", sagte im August der FDP-Landtagsabgeordnete Alfred Schmidt aus Kassel zum Wahlkampfauftakt im Nachbarstädtchen Frankenau: "Keine Kernkraft, kein nix. Um uns rum ist alles da. Und wir stehen hintenan."
Der Saal ist düster, ein paar hängengebliebene Papiergirlanden verstärken die Trübsal. Wenig Beifall dankt dem Redner, dafür blickt er in süffisant grinsende Gesichter: WAA-Gegner. Freundlich, aber unnachgiebig verwickeln sie ihn in eine dreistündige Diskussion über Krypton 85, Jod 129, Plutonium und Tritium, alles gefährliche Abfallprodukte bei der Wiederaufarbeitung.
Viele Bürger von Frankenberg sind längst kritische Fachleute. Die Experten der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK), die immer so harmlos tun, als wollten sie eine Zementfabrik bauen, kriegen kein Bein zur Erde. Daß die DWK-Leute freilich, wie es ein Bürgerinitiativler sagt, "ein besonderer Chaotenhaufen" sind, gehört inzwischen - von der Staatskanzlei in Wiesbaden bis zum Pfarramt im Dorf Viermünden - zur einzig gesicherten Erkenntnis in der ganzen WAA-Geschichte.
Ins Informationsbüro der DWK am Frankenberger Bahnhof geht, selbst wenn er es findet, ohnehin kaum einer. Auch zur Sprechstunde beim Schoppen in der "Sonne" am Markt sind nur zwei junge Frauen gekommen.
Sie werden es bereut haben. Ein grauer Manager verkündet, daß man selbst nach dem Bau von Wiederaufarbeitungsanlagen Energie sparen müsse: "Die Zeiten, wo Sie fünf Farbfernseher pro Haushalt gehabt haben und drei Autos, sind sowieso vorbei." Da sieht man den Mann gleich mit anderen Augen. Was mag der für Menschen kennen?
In ähnlichem Stil hat die DWK bereits vielerorts die "Akzeptanz" der Menschen für ihr Unternehmen getestet und sie bisher nirgendwo gefunden. Zuerst haben sich in Aschendorf im Emsland die Leute gewehrt. Dann in Unterlüß in der Lüneburger Heide und in Verden an der Aller. Ganz zu schweigen von Lüchow-Dannenberg, besser bekannt unter dem Stichwort Gorleben.
Rabatz hat es auch im hessischen Volkmarsen gegeben, ganz in der Nähe, und in Merenberg-Waldbrunn an der Lahn. Am Wochenende demonstrierten S.29 die Bürger in Kaisersesch an der Mosel und im bayrischen Schwandorf.
Offenbar haben in all diesen Nestern hinterm Wald die Leute nicht begriffen, was ihnen mit Hilfe von Hochglanz-Energie-Fibeln der CDU in Frankenberg von der DWK eingebimst werden soll: daß sie das Werk von Umstürzlern betreiben, denen die "Kernenergiefrage" nur wichtig ist, "um mit diesem Hebel unseren Staat und unsere Gesellschaftsordnung zu verändern".
Ganz und gar uneinsichtig für solche Hinweise sollten die Leute in und um Frankenberg - national und staatserhaltend, wie sie seit jeher sind - eigentlich nicht sein, fanden die Planer. Schließlich hatten sie rechtzeitig Erkundigungen eingezogen.
Vier junge Leute taten im November 1981 so, als seien sie in der Umgebung auf der Suche nach Ferienwohnungen. Dabei fanden sie in verdeckten "nondirektiven Auskunftsgesprächen" heraus, daß die Bürger im Ederland "auffallend zurückhaltend" sind, "bodenständig" und von "geringer psychischer Beweglichkeit".
Aber während die mit dieser vertraulichen Studie beauftragte Agentur "Intelligenz System Transfer" des früheren Münchner Polizei-Psychologen Georg Sieber wähnte, die "große Zurückhaltung allem Neuen gegenüber" könne sich als "großes Hindernis" erweisen, haben die DWK-Bosse offenbar aus den kargen Auskünften geschlossen, die Frankenberger seien einfach bloß rückständig und dämlich, genau die Richtigen also für einen neuen Akzeptanz-Test.
Man sei nicht zuletzt deshalb auf Frankenberg verfallen, versicherte DWK-Vorstandsvorsitzender Günther Scheuten der besorgten, wenn auch wegen der erhofften wirtschaftlichen Vorteile keineswegs abgeneigten Frankenberger Stadtverordnetenversammlung in vertraulicher Sitzung letztes Jahr, weil hier eine "ruhige Bevölkerung" lebe.
Gemessen an den wilden und gewalttätigen Auseinandersetzungen anderswo, scheint die DWK-Rechnung zur Zeit aufzugehen. Die Frankenberger Demos haben Lebensqualität.
Wenn der Protestzug anrückt, dann spielt natürlich ein Bläserchor "Nun ade, du mein lieb' Heimatland". Ein Sarg wird vorangetragen von zwei würdigen alten Herren im Zylinder. Die beerdigen den Fremdenverkehr. Kinder hüpfen mit: "Hopp, hopp, hopp, Atom-Fabrik stopp."
Überhaupt ist das alles irgendwie lustig, trotz der teils feierlichen, teils zornigen Reden unter Berufung auf den lieben Gott, auf Herz und Heimat und "ein gutes Erbe für unsere Kinder".
Keine Frage, Frankenberg an der Eder ist nicht Brokdorf. "Wenn ihr Chaoten sehen wollt", sagen sie am Stammtisch mit Gruseln, "müßt ihr nach Kassel zur Documenta fahren." Vor dem putzigen Rathaus aus dem Jahre 1509 mit den zehn Türmchen, zwischen den Fachwerkgiebeln und inmitten einer lieblichen Landschaft aus Wiesentälern, prächtigen Mischwäldern, Hügeln und Bächen wirken aufgebrachte Hessen selbst zu Tausenden noch heimelig.
So wollen es alle auch haben, wenigstens jetzt. Bürgermeister Sepp Waller schwärmt vom "sehr geordneten Willen unserer Demonstranten", die Bürgerinitiativen (BI) loben "unsere Ordnungshüter", und "unsere Journalisten" berichten darüber in den Heimatzeitungen oft so, als seien Demos Teil der in Ferien-Prospekten angepriesenen "heimischen Idylle".
Das ist alles "Harmonie mit Himbeersoße", wie der SPD-Fraktionschef im Stadtparlament, Wolfgang Rohdich, höhnt. Länger als bis zum 26. September, dem Tag der Hessen-Wahl, aber kann der gemütvoll-verlogene Scheinfrieden nicht währen.
Zu tief sind die Risse, die das WAA-Projekt quer durch alle gewachsenen Bindungen und Strukturen gerissen hat. Familien haben sich zerstritten, Geschäftsleute gehen voreinander auf Distanz, Stammtischgespräche versteifen sich auf dieses ständige Streitthema, Vereine drohen zu zerbrechen, Kirchenvorstände und Pastoren entfremden sich. Mißtrauen, Zorn, Enttäuschung spaltet Parteien, Gewerkschaften, Bauernverbände, Lehrer-Kollegien und Kaffeekränzchen. Alle herkömmlichen Einordnungen versagen.
Bürgermeister Waller, Sozialdemokrat seit 1966, hat seit zwei Jahren keine Versammlung des Ortsvereins mehr besucht. "Welche meinen Sie?" fragt er gequält, wenn er nach dem Verhältnis zu seiner Partei gefragt wird. Mit der in Wiesbaden ist das Verhältnis "hervorragend", mit dem Unterbezirk lala, "da ist die Beschlußlage schön unübersichtlich". Mit den Genossen vor Ort läuft nichts.
Fraktionschef Rohdich weiß von zweien der drei SPD-Mitglieder im Magistrat nicht, wie sie zur WAA stehen. Rohdichs Frau Ursula, Mitglied des Ortsvereinsvorstandes, arbeitet in der Anti-Atom-Bürgerinitiative und fühlt sich "als engagierte Sozialdemokratin prächtig". Anderen gelingt der Sprung nicht: Fast täglich starrt der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Otto Nolte traurig auf neue Austrittsbriefe.
Auch die CDU ist nicht besser dran. Ein Unionsmitglied ist einer Bekenntnis-Abstimmung im Rat ferngeblieben. "Zwei Seelen in der Brust" fühlt selbst Fraktionschef Rainer Parthen. Dem Röddenauer Ortsvorsteher seiner Partei, der ihn beim ersten Entrüstungssturm erschrocken anrief - "Mensch, die wollen, S.30 daß ich mitmarschiere, an der Spitze der WAA-Gegner" -, hat er geraten: "Klar gehst du mit, du wirst doch wohl nicht blöd sein."
Parthen seufzt in sein Bier: "Qua Prinzip" ist er für die WAA, aber zu Hause fängt's schon an. Da sagt seine Frau: "Nee, nee, das kann ich nicht akzeptieren."
Die FDP ist in der Fraktion mit "zwei zu zwei, klar für sowohl als auch", wie der unglückliche Vorsitzende Rainer Walenzik feixt. Die Liberalen, die einst in Frankenberg eine Hochburg hatten, sind jetzt auf einen Mitgliedsstand geschrumpft, "der der Besetzung eines Altersheims gleicht", sagt Walenzik. "Junge können uns schon deshalb nicht weglaufen, weil wir keine haben."
Der CDU-Wirtschaftsrat des Kreises ist, so der Webereimaschinen-Fabrikant Dieter Scholze, "klar gespalten in die Nein-Sager um die Firma Viessmann" - mit 3000 Beschäftigten der größte Betrieb der Gegend, der freilich mit Spezial-Heizkesseln vor allem am Energiesparen verdient - und die Ja-Sager, die Scholze aber lieber "neutral" nennt. Ihre Neutralität wird ihnen erleichtert durch augenzwinkernd in Aussicht gestellte Vorteile: etwa die Senkung der Gewerbesteuer, bessere Straßen und Garantien der DWK, nicht das niedrige Lohnniveau zu durchbrechen.
Solche Kungeleien sehen offenbar die DGB-Mitglieder des Kreises klarer als ihr Vorsitzender Kurt Weiß, für den die Wiederaufarbeitungsanlage nichts ist als "ein Vehikel, Anschluß an eine gewisse Normalität zu gewinnen". Er ist dafür. Die Meinung der Kollegen vor Ort sei das wohl nicht, räumt er widerwillig ein, "aber die Beschlußlage, Sie verstehen?!" Daß ihn "zwei telephonische Morddrohungen" verunsichern, ist eher verständlich.
Der Streit um die WAA hat Züge eines Glaubenskrieges angenommen. "Jung und alt", sagt Unternehmer Scholze, "das ist in den meisten Familien, als blicke man auf zwei Seiten einer Medaille." Er macht kein Geheimnis darum, daß sein Bruder und Partner anderer Meinung ist als er. Er hat nur seinen Sohn auf der Seite, dessen Frau wiederum ist dagegen. Ein Familienmitglied, sagt er bitter, "hat mich sogar in die Zeitung reingeschmiert".
Keine alte Bindung scheint verläßlich. Aus "Steinzeit - nein danke"-Eiferern werden engagierte Anti-WAA-Kämpfer. CDU-Vater Rauch wählt heimlich seine Tochter Dorli, die für die Grünen kandidiert.
Die Bauersfrau Margarete Artzt aus Sachsenberg wollte von Politik nie etwas wissen, ihren drei Kindern sagte sie: "Wehrt ihr euch doch." Jetzt hat sie sich, nach vielen schlaflosen Nächten, auf die Demo gewagt. Auch ihr Mann fährt auf seinem Traktor mit, protestiert für die Aktion "Landwirte gegen Atomindustrie". Im Bauernverband haben diese Landwirte natürlich Ärger, aus der FDP sind viele ausgetreten. "Möge sie unter die Schwelle der Bedeutungslosigkeit absinken", sagt einer auf dem Markt in Frankenberg.
Der junge Pastor Rüdiger Dierks aus dem Dorf Ellershausen hat sich - "ängstlich und konfliktscheu, wie ich bin" - am Tage der Standort-Bekanntgabe, die er im Radio gehört hat, zu einer "Fürbitten-Andacht" entschlossen, die seine Gemeinde als "Protestgottesdienst" verstand. Die Nachricht über einen BI-Lautsprecherwagen im Dorf verbreiten zu lassen getraute er sich aber erst, als ausgerechnet der konservativste Kirchenvorständler ihn dazu drängte.
Dierks' Amtsbruder Helmut Reinke aus dem Dorf Viermünden, seit der Gebietsreform 1971 ein "Stadtteil" von Frankenberg, ist die Not anzusehen, wenn er über seine Entscheidung berichtet, das Thema WAA im Kirchspiel durchzusetzen: "Sich zu exponieren ist eine bewegende Sache", sagt er, "ein Anti-WAA-Plakat im Fenster ist ja jetzt quasi ein Parteiabzeichen." Leise fügt er hinzu: "Das muß ich ja auch vor meinem Herrn vertreten können."
Selbst wenn in Frankenberg der Akzeptanz-Test negativ verläuft, die Wiederaufarbeitungsanlage gar nicht oder, was sehr wahrscheinlich ist, anderswo gebaut wird - nichts wird hier mehr so sein wie zuvor. Denn "das Ding", das "die da oben" über die Bevölkerung gestülpt haben mit dem Feingefühl der "klassischen Kolonialmächte", wie es der BI-Sprecher Manuel Zimmermann ausdrückt, dieses "Ding" ist längst zum Symbol geworden für alle Ängste und Ärgernisse, auch wohl für Reste von Hoffnung und Fortschrittsglauben, welche die Menschen in der Bundesrepublik derzeit umtreiben.
Vordergründig artikulieren sich die Sorgen und Wünsche der Bürger an sehr konkreten Behelligungen und Aussichten. Daß viele erst mal Angst vor Krawallen haben - wen kann es verwundern? Daß manche sich finanziellen Aufschwung versprechen für die Region angesichts der miesen Wirtschaftslage, auch Arbeit beim Bau (3100 Arbeiter werden nötig sein, gibt die DWK an) und möglicherweise einen Job als einer von 1600 Festangestellten beim Betrieb der "chemischen Fabrik" (DWK) - wer will das jemandem verübeln?
Aber, so echt die Besorgnisse sein mögen, sie wirken vorgeschoben und vergleichsweise verniedlichend. Daß die S.31 Naturfreunde sich ereifern über die Gefahren für Hahnenfuß und Seidelbast; daß die Jagdpächter sich sorgen um ihre Reviere, die Bauern um den Absatz ihrer Milch und ihres Gemüses; daß der "Reiterhof"-Ferienwirt Karl Freund aus Oberorke um seine Existenz fürchtet, seit seine Gäste sich zwar zu 80 Prozent "grundsätzlich" für eine WAA ausgesprochen haben, aber nur zu höchstens 20 Prozent wiederkommen wollen - trotz Reithalle und Tennisplatz, Sauna und Kegelbahn -, wenn das Ding zehn Kilometer entfernt gebaut wird; daß sich die Geschäftsleute in Frankenberg fürchten, zehn Demo-Wochenenden würden für eine Reihe von Läden in der Fußgängerzone den Konkurs bedeuten - das alles mag unrealistisch oder egoistisch finden, wer will. Den Betroffenen ist es ernst.
Nur deutet die Intensität der oft mühsam nach guter Kleinstadt-Art ins Allgemeine vernebelten Ängste darauf hin, daß sie in Wahrheit viel tiefer reichen. "Das Ding läßt sich hier nur verkaufen, wenn wir im Positiven ein Argument finden wie die Gegner im Negativen mit der Bombe von Hiroschima", sagt der Unternehmer Dieter Scholze.
Die Furcht vor Strahlentod, Verseuchung und Explosion sitzt dicht unter der Oberfläche der vordergründigen Argumentation. Der Geschäftsführer des Fremdenverkehrsverbandes, Richard Arnold, kramt im Landratsamt von Frankenberg vielerlei beruhigende Versicherungen hervor, um diese Gefährdung zu bestreiten. In Karlsruhe und in La Hague sind seine Verbandsmitglieder gewesen, in Biblis und in Hanau. Wie der Lions-Club und der Lehrerverband, die Kommunalpolitiker und die Bauern haben sich auch die Gastwirte dort von Atomfachleuten versichern lassen, daß "wir die Sache im Griff haben".
Wenn Arnold seinem Besucher noch einmal kräftig und aufmunternd zugenickt hat, verliert sich sein Blick plötzlich sinnend in den Bäumen vor dem Fenster. "Allerdings haben wir hier ja meist Westwind", murmelt er unvermittelt - eine befremdliche Bemerkung, wüßte man nicht, daß bei Westwind etwaige radioaktive Rückstände geradewegs auf Frankenberg zutreiben.
Warum die Bäuerin Margarete Artzt plötzlich ihr ganzes Leben ändert, "kein Vertrauen mehr hat zu Schmidt und solchen Leuten", was sie als "sehr bedrückend" erlebt, auch weil sie nicht "fanatisch" gescholten werden will? Sie guckt verblüfft auf: "Na, wegen der Emissionen." Dem Straßenwärter Richard Delius in Wangershausen, 82, fallen, wenn er an das geplante Objekt denkt, "sofort die verkohlten Leichen in Kassel ein, im Zweiten Weltkrieg".
Wie Opa Delius, der gern 20 Jahre jünger wäre, um kräftig mitzumachen gegen die WAA, denken fast alle in diesem Dorf, das nur 1,5 Kilometer von der geplanten Baustelle entfernt liegt. Um mit dem Gerücht aufzuräumen, daß die schweigenden Bürger gleichzusetzen S.34 seien mit Befürwortern der Anlage, haben der Stahlformbauer Willi Clittenberg und seine Frau in drei Tagen im Januar die Stimmung getestet: 145 von 163 wahlberechtigten Dörflern, darunter der gesamte Ortsbeirat, wollen sich zur Wehr setzen. Nur einer im Dorf war für die WAA.
Bisher hat "das Ding" nur in Zeichnungen ungefähre Gestalt bekommen. Es sind Darstellungen, in denen sich niederschlägt, daß die WAA am Ende Symbol ist für die berühmte "Sinnfrage", die das Leben der Republik, ihre kulturellen, geistigen und politischen Äußerungen zunehmend zu prägen beginnt.
Da ist einmal der freundliche Entwurf der DWK - eine vertrauenerweckende eingegrünte Version von technischem Fortschritt und wirtschaftlichem Aufschwung. Die Bürgerinitiativen zeichnen dagegen einen schwarzen Industriekoloß mit einem Riesenschornstein, der wie ein expressionistisches Monster die altfränkische Idylle der kleinen Stadt zu erdrücken droht.
Wachstum contra Apokalypse, Börner und Dregger, DWK und Gewerkschaften contra "Grüne", die Realität der Republik ist in dieser abgelegenen Gegend derzeit sichtbarer als im Revier an der Ruhr. Eine klare Alternative - in den Dörfern wird sie auch so begriffen. "Wir müssen ja grün wählen", sagt eine Frau aus Wangershausen, "selbst wenn da ein paar Kommunisten drunter sind."
In Frankenberg selbst aber trifft Bürgermeister Waller immer wieder auf Leute, die sich ihm gegenüber "mit Hosianna für die WAA äußern", von denen ihm wenig später aber berichtet wird, der sei "ja nun auch klar dagegen".
Nun mag man absehen davon, daß auch Waller von seinem klaren "Bekenntnis zur Kernenergie" zwar grundsätzlich nicht abrückt, praktisch aber Verwunderung auslöst, wenn der Börner-Kumpel auf einmal sagt: "Weder der Bürgermeister noch der Magistrat haben das Ding hierhergesehnt."
Man mag auch den begrenzten Meinungsspielraum einer Kleinstadt in Betracht ziehen, wo jemand, der sich unliebsam hervorwagt, noch nach 30 Jahren am Stammtisch hören wird: Du hast ja damals sogar gesagt ...
Aber die Einschüchterungsgewalt, die von den Parolen des Bonner Establishments, von Regierungschef Holger Börner, von den Vertretern der Kernkraftindustrie, vom Landrat und von Mitgliedern des Stadtparlaments ausgeht, die kann eigentlich nur ein Bürgermeister übersehen, der Selbstzweifel unterdrücken will. "Die Leute tun ja, als wenn der Staat allgegenwärtig wäre", klagt Waller und vermutet düster "einen Pendelschlag zurück in eine vergangene finstere Zeit".
Aber von staatszerstörerischen Kräften und "radikalen Chaoten" redet der parteilose Landrat Karl Hermann Reccius nicht nur vor den alten Kameraden der Waffen-SS, so redet er alle Tage. So sprechen auch CDU-Kommunalpolitiker in Frankenberg, wie sollte es auch anders sein.
Zweifel an dem Nutzen von Kernkraft als Angriff auf "unsere Freiheit, unser System" zu deuten ist gang und gäbe im etablierten politischen Bereich - ob man nun die Grünen in diesem Zusammenhang den Kommunisten zuschlägt, wie Franz Josef Strauß, oder sie zu den Faschisten rechnet, wie Holger Börner.
Daß auch die Befürworter nicht den Mund aufzumachen wagen, angeblich, weil sie, wie Unternehmer Scholze behauptet, "dann die Jacke vollkriegen", vor allem aber wohl, weil sie nicht wissen, wie es nun weitergeht, rundet das Bild ab. Noch ist Frankenberg nicht Brokdorf, aber als Lehrstück für die Herstellung von Staatsverdrossenheit taugt es allemal.
Den Wahltag fürchten alle Politiker vor Ort, sie sehen sich, gleich welcher Partei, "verheizt" (CDU-Parthen). Die Kampagne führen die meisten widerwillig wie der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Otto Nolte ("Die Grünen kommen über 40 Prozent"), ohne große Hoffnungen wie Parthen ("Die Dörfer waren unsere Hochburgen") oder trotzig wie die Rohdichs. Er sagt: "Helmut Schmidt ist schließlich nicht die SPD." Sie ergänzt: "Und Holger Börner erst recht nicht." Am liebsten würden es alle so machen wie die FDP. Deren Motto laut Stadtverordnetem Walenzik: "Totstellen und überrollen lassen."
Graf Lambsdorff, Ernst Albrecht und Holger Börner werden in Frankenberg reden. Niemand verspricht sich Gewinn davon.
Ist damit das Gespräch zwischen den Fronten in Frankenberg zu Ende? Das Wort "Bürgerbeteiligung", von Holger Börner ausgesprochen, weckt hellen Argwohn. "Das heißt doch, daß wir mitreden dürfen, ob das Ding nun grün oder orange angestrichen wird", spottet einer in Frankenau.
Reinhard Ueberhorst, früher Vorsitzender der Enquete-Kommission "Zukünftige Energiepolitik" im Deutschen Bundestag und kurzfristig Umweltsenator in Berlin, will dennoch in dieser Woche, von Börner zu Hilfe gerufen, in Frankenberg eine Erkundung starten, ob nicht Verfahren zur Zusammenarbeit möglich sind.
Ueberhorst, ein skeptischer Mann, der sich in Gorleben und Hamburg Anerkennung bei den Großprojekt-Gegnern erworben hat, fährt ohne Illusion an die Eder. Hätte er sie gehabt - die Umstände seiner Bestellung müßten sie ihm geraubt haben.
Erst wurde seine Mission mit viel staatstragendem Trara von der Regierung in Wiesbaden angekündigt. Dann fiel der Termin auf: Fünf Wochen vor der Wahl einen verdienten Genossen als "unabhängigen" Sachverständigen zu benennen schmeckt arg nach Stimmenfang.
So haben es die Bürgerinitiativen vor Ort auch prompt aufgefaßt: "Will Börner den Eindruck erwecken, als wären die Sorgen und Bedenken der Bevölkerung gegenüber dem atomaren Großprojekt 'WAA' bei der Regierungspartei SPD gut aufgehoben?" heißt es in einer Presseerklärung. Und weiter: "Diese von oben herab gewährte Huld wirkt wie ein Relikt aus Kaisers Zeiten, gewissermaßen wie ein Gnadenakt."
Ueberhorst hat diese Reaktion erwartet. Er will es dennoch versuchen: "Wenn ich nicht selbst genau wüßte, daß ich es ernst meine mit meiner Unabhängigkeit - ich würde mir auch nicht glauben."
DER SPIEGEL 36/1982
