Zukunftsorientierung?
Straßenbau führt nicht grundsätzlich zu einem regionalen oder zu einem breitflächigen Aufschwung der Wirtschaft. Es sind andere Faktoren,die die Voraussetzung für Wirtschaftswachstum bieten.
Straßenbau allein induziert keine Wirtschaftskraft. In jedem Fall muss eine individuell angepasste Detailstudie über die spezifischen lokalen Umstände vor einem Straßenneubau angefertigt werden. Nur wenn die Bedingungen erfüllt sind, die zu mehr Arbeitsplätzen führen, und alle anderen Kapazitäten ausgeschöpft sind, kann über den Bau nachgedacht werden. Es muss ermittelt werden, ob die Straße volkswirtschaftlichen Nutzen bringt.
Selbstverständlich müssen hier auch ökologische Überlegungen miteinbezogen werden:
- Zerschneidung von Lebensräumen:
Durch die Erschließung von ländlichen Räumen werden zusammenhängende Natur- und Waldgebiete zerteilt. Für viele Tierarten sind Straßen unüberwindbare Barrieren. Durch Isolation erschwert sich die Fortpflanzung und Nahrungssuche. Dies führt zu einer Abnahme der Artenvielfalt;
- Lärm:
Für Menschen führt ständiger Lärm zu Kopfschmerzen, Stress und Konzentrationsschwierigkeiten. Die Herzfrequenz erhöht sich bis hin zu Panikattacken, der natürliche Tagesablauf und die Kommunikationsfähigkeit
werden gestört;
- Luftverschmutzung:
Gesundheitsschädliche Abgase und Feinstaub belasten Anwohner. Außerdem verliert die Region, ebenso wie durch die Lärmbelastung, ihren Wert als Erholungsraum;
- C02-Ausstoß:
Eine neue Straße bringt Anreiz für mehr Verkehr. Der Kohlendioxidausstoß steigt, der Klimawandel wird beschleunigt.
Von Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst wurde ein weltweites Umdenken angesichts des Klimawandels gefordert.
Doch in der Verkehrspolitik der Bundesregierung ist dieser Ansatz kaum erkennbar: Nach wie vor hat der Straßenverkehr sowohl im Individual- als auch im Güterbereich Priorität. Obwohl es im Investitionsrahmenplan für die Verkehrsinfrastruktur des Bundes von 2000-2006 heißt, „mit 34.000 km Schienenwegen, 53.000 km Bundesfernstraßen und 7.300 km Bundeswasserwegen zeichnet sich das deutsche Verkehrsnetz durch einen hohen Erschließungsgrad aus, werden 22,4 Mrd. € als Finanzbedarf für abzuschließende oder zu beginnende Bedarfsplanprojekte im Straßenbau vorgesehen.
Der Neubau von weiteren 760 km Autobahn für rund 5,9 Mrd. € wird geplant, darüber hinaus die
Erweiterung von 970 km für 6,6 Mrd. €.
Dieser Widerspruch zwischen Reden und Handeln in der Verkehrsplanung zeigt, wie unstimmig die deutsche Verkehrspolitik in sich ist.
Dabei trägt gerade die Verkehrspolitik enorme Verantwortung für den Klimawandel. Sie ist verpflichtet zu handeln. Denn im Vergleich zu anderen Sektoren steigt die durch den ständig zunehmenden Verkehr ausgelöste Kohlenstoffdioxid-Belastung immens. 20% der Gesamtemissionen fallen auf den Verkehr, davon 93,7% auf den Straßenverkehr52.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie sinnvoll es langfristig ist, das Straßennetz für immer mehr Verkehrsteilnehmer auszubauen.
Die Bevölkerung Deutschlands nimmt ab. Die geringen Geburtenraten werden nicht mehr wie in den 90er Jahren durch Einwanderung ausgeglichen. Dies wird letztendlich zu einer Konzentration der Bevölkerung in den Ballungsräumen führen, die peripheren Landstriche verlieren an Bedeutung.
Vor allem ist die Investition in den Straßenbau aber deshalb absurd, weil die Ölreserven in absehbarer Zeit enden werden. Durch den rasant steigenden Benzinpreis wird der Straßenverkehr zwangsweise abnehmen. Bisher gibt es keine vergleichbar effizienten alternativen Treibstoffe für Kraftfahrzeuge. Solange die Zukunft des Automobilverkehrs ungewiss ist, macht es keinen Sinn, neue Straßen zu bauen.
Quelle: Dr. Toni Hofreiter MdB Bündnis 90/ Die Grünen
