Wildkatzen sollen wieder in die Region zurückkehren - Ziel: Sicherung und Vermehrung des Bestands
Brücken zwischen Lebensräumen bauen

FRANKENBERG (apa). Sie sind leise. Sie sind scheu. Sie verstecken sich sehr effektiv. Und sie sind selten. Selbst Jäger und Förster bekommen Wildkatzen fast nie zu Gesicht. Der BUND, Bund für Umwelt- und Naturschutz, hat es sich zur Aufgabe gemacht, es den Jägern auf leisen Pfoten zu ermöglichen, sich weiter zu verbreiten und zu vermehren. Eine schwierige Aufgabe - denn nur eines wissen die Naturschützer ganz genau: Dass sie fast nichts über die Wildkatze in freier Wildbahn wissen.
Drei Landesverbände des BUNDs - Hessen, Thüringen und Bayern - arbeiten im „Rettungsnetz Wildkatze zusammen. Sie nutzen über Jahre gewonnene Erkenntnisse gemeinsam und nutzen verschiedene Methoden, um die Wildkatze und ihren Lebensraum zu erkunden. Ihr langfristiges Ziel: Zwischen verstreuten Wildkatzenwäldern und Gebieten, die Sich dafür eignen würden, sollen grüne Korridore entstehen, über die Wildkatzen in Sicherheit neue Lebensräume erreichen können. Zu diesen möglichen Lebensräumen gehören auch der Burgwald und der Kellerwald. Deshalb wird dieses Gebiet zur Modellregion, um die Ausbreitung und Vermehrung der Wildkatzen voranzutreiben und die Hintergründe zu untersuchen.
Großes Interesse
Mehr als 60 Interessierte fanden sich am Mittwochabend in der Ederberg-landhalle ein, um sich über die seltenen Tiere und die Bemühungen, sie zu retten, zu informieren - eine Resonanz, über die sich sowohl Thomas Norgall vom hessischen BUND-Landesverband als auch Viola Wagner vom BUND-Kreisverband sichtlich freuten.
Es ist wahrscheinlich, dass in den heimischen Wäldern Wildkatzen leben. Doch es gibt keine Nach-, sondern nur Hinweise darauf, dass die scheuen Katzen sich hier aufhalten. Zwei dieser Hinweise gab es am Edersee, einen weiteren bei Rosenthal. Anders sieht es im nahen Rothaargebirge aus, wo es 17 sichere Nachweise für Wildkatzen gab - leider sind die sicheren Nachweise meistens Totfunde.
Naturschutzreferent Thomas Norgall informierte über die bisherigen Bemühungen und stellte die Projekte der Landesverbände vor, von denen im Rettungsnetz alle profitieren. Während Bayern mit Hilfe von Lockstäben das Vorkommen von Wildkatzen untersucht, wird in Thüringen mit Tele-metrik gearbeitet - Wildkatzen wurden mit Sendern versehen und beobachtet. Im Rahmen der Verbreiterung der A 4 wurde außerdem eine Ausgleichsmaßnahme umgesetzt, durch die ein 15 Meter breiter Biotop-Streifen entstand. In Hessen wird untersucht, „wie wir den Biotopanspruch mit der Landschaft verschneiden können", erläuterte Norgall.
Dass die Wildkatze sich in Gehölz-Strukturen, also Wäldern und Waldrandgebieten aufhält, ist bekannt. „Aber: Wo sind sie und wo sollen sie hin?", formulierte Norgall das Untersuchungsziel. In der Modellregion Burgwald - Kellerwald - Rothaargebirge sollen genau diese Fragen beantwortet werden, um die Ergebnisse dann auf Landesebene zu übertragen.
Rotwild neben Wildkatzen
Etwa 200 bis 400 Wildkatzen gibt es nach Schätzungen derzeit in Hessen. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind in Rotwildgebieten zu finden. Deshalb untersucht das Rettungsnetz vorrangig diese Waldgebiete und deren mögliche Verknüpfung. Während ein Computerprogramm die kürzesten Verbindungen zwischen zwei Wildkatzenwäldern ermittelt, beschäftigen sich die Naturschützer mit der Frage nach dem optimalen, sichersten, den meisten Erfolg versprechenden Weg zwischen diesen „Inseln".
Olaf Simon, Diplom-Biologe und Mitgründer des beauftragten Instituts für Tierökologie und Naturbildung, stellte das Projekt „Rettungsnetz Wildkatze" ausführlich vor. Er erläuterte zunächst die Hintergründe, die das zweijährige Projekt notwendig machen: Die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen, Autobahnen und landwirtschaftliche Großflächen, die dadurch bedingte Isolation von Wildkatzenpopulationen, Wanderbarrieren und WÜdunfälle, die für viele der seltenen Katzen den Tod bedeuten.
In der Region stellte er besonders die Bundesstraße 485 zwischen Bad Wildungen und Korbach, die B 253 von Frankenberg nach Bad Wildungen sowie die B 252 bis Cölbe als Gefahren heraus.
Um die Ausbreitung von Wildkatzen in der Region Kellerwald-Edersee zu ermöglichen, benötigen die Mitarbeiter des Rettungsnetzes die Hilfe aller, die in irgendeiner Weise Hinweise auf die Präsenz dieser seltenen Säugetiere geben können. Die einzigen sicheren Nachweise sind durch Totfunde oder Haare der Tiere zu erbringen. Deshalb wird jeder, der eine tote Wildkatze findet, gebeten, diesen Fund beim zuständigen Forstamt zu melden, damit der Jagdausübungsberechtigte informiert wird. Diese wiederum werden gebeten, die Tiere einzupacken und beim Nationalparkamt abzugeben, wo der BUND hofft, eine Sammel- und Registerstelle einrichten zu können.
Außerdem möchte der BUND die wichtigsten Verbundachsen und Wechselstellen ermitteln. Dazu braucht er Informationen über die Stellen, an denen die häufigsten Wildunfälle passieren.
Im Anschluss an die Informationsveranstaltung beantworteten Olaf Simon, Johannes Lang und Thomas Norgall Fragen aus dem Publikum. So wurde erläutert, dass Tollwut zwar theoretisch bei Wildkatzen möglich ist, aber dieses Problem in Hessen nicht mehr akut ist. Ein Vertreter der Jägerschaft betonte, dass man „an die Straßen ran" müsse, um den Wildkatzen tatsächlich zu helfen und dass dies kaum realisierbar sei - woraufhin ein Mitarbeiter der Naturschutzbehörde erläuterte, dass mit Nachweisen von Wildkatzen ein ganz anderer Druck auf die Behörden möglich sei und damit auch die Schaffung von Querungshilfen.
Weitere Informationen zum Rettungsnetz gibt es auf www.wildkatze.info und www.bund.net/thueringen im Internet.
STICHWORT
Die Wildkatze
(apa). Bis heute wissen nur wenige von der Existenz der Wildkatzen. Viele verwechseln die seltene Tierart mit verwilderten Katzen.
Wildkatzen sind äußerlich nicht von Hauskatzen zu unterscheiden. Sie sind etwa so groß wie eine stärker gebaute Hauskatze, die Beine der Kätzinnen sind etwas länger als bei den domestizierten Exemplaren. Ihre Fellzeichnung ist typischerweise bis zum sechsten Lebensmonat grau getigert, danach verändert sich das Fell und wird wildfarben. Sogenannte Blendlinge, die sich mit Hauskatzen gepaart haben, können allerdings jede Fellfarbe annehmen. Die einzige Möglichkeit, eine Haus-von einer Wildkatze definitiv zu unterscheiden, bietet ein Gen-Test.
Die Vierbeiner werden im Durchschnitt 3,5 bis 5 Kilogramm schwer. Sie sind zwar tagesaktiv, jedoch sehr scheu. Wildkatzen sind gute Kletterer, leben aber am Boden. Ihre Streifgebiete dehnen sich zwischen 2000 und 6000 Hektar. Ihr Hauptnahrungsmittel sind Mäuse. Ab und an fressen sie aber auch Vögel, Eichhörnchen, kleine Kaninchen oder auch Eidechsen. Sie jagen an Waldrändern, zwischen Hecken und Büschen, wo sie sich leicht verbergen können.
Wildkatzen bekommen pro Wurf 3 bis 4 Junge, die Sterblichkeit bei Jungkatzen ist jedoch sehr hoch. Ihre natürlichen Feinde sind Baummarder, Füchse und Habichte. Aber gerade im vergangenen Jahr war der lange Winter Grund für eine hohe Mortalitätsrate unter jungen und älteren Wildkatzen.
Quelle: WLZ vom 17. November 2006
Begleittext Wildkatzenwegeplan - fachlich
Biotopverbund Konzept für die Wildkatze in Hessen (16 MB!)
